Der 12-und 24-Stundenlauf von Schmallenberg

Da sitzt man nun im Auto, den Blick auf die Schmallenberger Mehrzweckhalle gerichtet. Hier ist der Zählwagen platziert und nach jeder Runde, die etwas mehr als 6 km beträgt,  erfolgt nach kurzem Fingerzeig des Läufers ein ebensolcher vom zuständigen Zähler. Alles in einer sehr freundlichen, ruhigen Stimmung. Es ist Mitternacht und ein Blick auf den gegenüberliegenden Berganstieg lassen die Läufer wie beleuchtete Miniaturfiguren wirken, fast gespenstisch ziehen sie so ihre Runden. Mein Gott, was mach ich hier! Wieder ein Läufer (schätzungsweise im 8er-Schnitt/pro km) zu einem Grashalm in der Hand sprechend, unmittelbar dahinter ein lebenslustiger, gemütlicher älterer Walker  (in Fachkreisen auch Milka-man genannt). Gedanklich schwebe ich noch ein wenig in der Vorbereitungsphase zu diesem Lauf. Mein erster 12-Stundenlauf. Ob 8 Wochen mit ca. 50-70 km pro Woche wohl ausreichen? Ich werde es für mich behalten.

Inzwischen habe ich das Fahrzeug verlassen und mich zum Start begeben, schließlich habe ich mich ja „nur“ für den 12-Stundenlauf gemeldet. Nach kurzer Einweisung (von der ich leider geistesabwesend nichts wahrgenommen habe) erfolgt der Startschuss und ab geht die Reise ins Ungewisse. Die erste Runde die Straße runter Richtung Philosophen-Pfad, dann rechts der erste langgezogene asphaltierte Anstieg bis zur 1. Verpflegungsstelle bei ca. 3 km. Kein Durst, weiter geht’s zum Teil steiler hinauf bis die Anhöhe erreicht ist und ein Blick nach rechts erst verdeutlicht, was man bereits erklommen hat. Ein lang gezogenes Wald- und Wiesenstück lädt zu einem kleinen Erholungstrab ein. „Mensch, macht doch Spaß.“ ist mein erster Gedanke. Nach einem weiteren Kilometer geht es hinab zu der Straße, die dann wieder zur Mehrzweckhalle führt. Vorbei an meinem parkenden Fahrzeug, indem sich meine bessere Hälfte Martina schlafen gelegt hat. Die Zählstation naht, ein Zuruf und schon beginnt Runde 2.

Die nächsten Runden und Stunden wiederholen sich wie „Und ewig grüßt das Murmeltier“. Zeit, für viele Gespräche mit netten LäuferInnen aus der Ultraszene. Keine Überheblichkeiten wie bei vielen Marathonveranstaltungen. Alles viel ruhiger, friedlicher, bescheidener.  Nach Runde 7 (ca. 5 Stunden) ist der Marathon gepackt und ein Grund dafür Martina zu wecken um ihr dies mitzuteilen. Sichtbare Freude in ihrem Gesicht veranlassen mich zu einer schnellen 8. Runde. Jetzt ist es bereits hell und Morgentau entweicht von den duftenden Wiesen. Es ist so wahnsinnig schön hier. Dann ist es Zeit für ein kleines Frühstück (Nudeln von zu Hause mit Frikadellen). Eine erste Hochrechnung lassen die geplanten 80 km schon fast Wirklichkeit werden. Läppische 30 km in 6 Stunden, vielleicht ist ja noch mehr drin.

Die übernächste Runde lässt dann Wirklichkeit zum Albtraum werden. Geschlagene 2 ½  Stunden verbringe ich auf dieser Runde. Ein unvorstellbarer Zeitverlust! Keine 3 km/h! Martina massiert mich mit 15 Minuten lang mit Viol ein. In der Zwischenzeit vertilge ich Unmengen von Energieriegeln und trinke Unmengen wie zu Caligula’s Zeiten. Wie ein abgefüllter Kanister breche ich fast überschwappend auf und erinnere mich an den Läufer mit dem Grashalm. Soll ich auch.....?! Nein, Du Memme, Du Jammerlappen, Du Großkotz (allen hab ich’s schon erzählt), die lachen sich ja alle schlapp über Dich.

3 Stunden für 20 km. Wie sich die Relationen verschieben, Wahnsinn. Dann geht’s weiter, immer abwechselnd leichter Trab, schnelles Gehen und hin und wieder stehen. Nach 12 Stunden vernehme ich auf dem Wald- und Wiesenweg einen Schuss und alles ist vorbei. Stehen bleiben ohne schlechtes Gewissen. Das war’s, nie wieder! Ohne mich!! Nein, das wäre unfair denke ich im gleichen Augenblick, es waren doch auch schöne Stunden, jetzt wo alles vorbei ist, eigentlich schade.

Wir sitzen inzwischen in einem Fahrzeug, das uns zur Mehrzweckhalle zurückbringt. Dort angekommen, wird erst einmal geduscht, bevor die Siegerehrung den schönen Tag ausklingen lässt. Ein besonderes Highlight am Rande: Mit 77,286 km habe ich doch tatsächlich den 3. Rang belegt und dafür verschämt einen Pokal in Empfang genommen. Leider wurde seitdem dort nie wieder ein 12, bzw. 24-Stundenlauf ausgetragen. Ein großer Klassiker, den ich erleben durfte. Danke!       (ultrarunner)