7. 24-Stundenlauf Mörlenbach am 13./14.09.1986

Bericht von Peter Stephan

Clemens Schewe aus Karlsruhe, von Beruf Ingenieur, bereitete sich generalstabsmäßig auf den 7. 24-Stunden-Lauf vor, den die Mörlenbacher Leichtathleten am 13./14. September veranstalteten. Aus der Analyse der Leistungen von 15 Läufern über 100 km und 24 Stunden errechnete er für sich selbst eine Vorgabe von 224,708 km. Vielleicht wird er seine Tabelle nach dem Lauf überarbeiten. Er übertraf seinen Plan mit 236,866 km um rd. 5% und lag damit bei der Endabrechnung des Laufes vorne. Seine Leistung bringt ihn daneben auf Platz 4 der deutschen Bestenliste, die heute immerhin 23 Läufer mit Bestleistungen über 200 km aufweist.

Dass der Durchbruch der Ultralangläufer endgültig erreicht ist, zeigt nicht nur die Gründung der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung. Nachdem in Apeldoorn bereits 28 deutsche Läufer am Start gewesen waren, nahmen in Mörlenbach neben Ludwig Lukas aus Österreich und Attila Morton aus Ungarn 30 Läufer und 6 Läuferinnen aus der BRD den Kampf gegen sich selbst und gegen die Uhr auf. Weitere 12 hatten ihre Meldung zwar abgegeben, jedoch vor dem Start zurückgezogen. Als Favoriten galten bei den Männern Vorjahressieger Hans Reich, Bernhard Schoeneck und Wolfgang Schwerk, der nach seinem Sieg in Unna in Mörlenbach die deutsche Bestleistung von 258 km angreifen wollte.

Bei den Damen fiel die Auswahl schwer; nicht nur, weil das angeblich schwache Geschlecht quantitativ und qualitativ so stark vertreten war. Renate Nierkens brachte die Erfahrung zweier Läufe mit, Gerda Schröder, Erika Hahn und Gudrun Müller hatten 1986 bereits sehr gute Leistungen über 100 km erzielt. Der Lauf wurde zunächst auch von der Reutlingerin Gudrun Müller bestimmt, nach 4 Stunden übernahm dann Erika Hahn aus Hassloch die Führung. Renate Nierkens war zu diesem Zeitpunkt auf dem letzten Platz zu finden. Doch ihre Devise war von Anfang an auf ihren eigenen Lauf mit dem Ziel 200 km festgelegt – nur nicht auf die anderen achten. 10,6 km betrug der Rückstand auf die führende Erika Hahn nach 9 Stunden und 6 km auf die später auf Platz zwei ankommende Gerda Schröder aus Hamburg. Sie hatte zwischenzeitlich nach 13 Stunden die Führung übernommen, als Erika Hahn ausgestiegen war. Ab 5 Uhr am Sonntag morgen lieferete sie sich dann mit Renate Nierkens einen spannenden Zweikampf, bei dem Nierkens dann um 12 Uhr mittags die Führung übernehmen konnte. Die 200 km-Grenze, der Maßstab der Weltklasse bei den Damen, lag nun in erreichbarer Nähe. Angefeuert durch die zahlreichen Zuschauer und die Läufer aus dem Mannschaftslauf erreichte sie ihr Ziel und konnte sogar die Streckenbestleistung von Waltraud Reisert übertreffen. 203,411 km stehen seit dem Schlussböller, abgefeuert durch die Weltrekordlerin Waltraud Reisert, für die sympathische Läuferin aus Gelsenkirchen nun zu Buche und dies bedeutet Platz 7 in der Weltbestenliste der Frauen. Hier sind die Deutschen mit W. Reisert auf Platz 1 (215 km) sowie Gerda Schröder (191 km) und Gisela Duschl (185 km) sehr gut vertreten. Alle vier Läuferinnen waren in Mörlenbach anwesend; W. Reisert hatte wegen des Spartathlon nicht teilgenommen.

Drei 24-Stunden-Läufe hat Renate Nierkens bisher absolviert. 167 km 1985, 181 km 1986 und nun 203 km hat sie in einer Tollen Serie erreicht. Doch nicht nur das zählbare Ergebnis beeindruckt. Wer diese Läuferin, nebenbei selbständig tätig, Ehefrau und Großmutter, in ihren bisherigen Läufen erlebt hat, war überrascht und beeindruckt, wie schön, wie astethisch sie bei diesem Lauf auch nach 24 Stunden ihre Runden drehte. Erstmals legte sie keine Gehpause ein und ließ sich in bewährter Manier von Ehemann und Sohn verpflegen, ohne das sie dabei stehen blieb. Störende Einwirkungen, insbesondere der zeitweilige Regen, ein nächtliches Gewitter oder die Tatsache, dass die Helfer ihr in der Nacht statt Strümpfen Handschuhe zu Umziehen in die Schuhe steckten, wurde verkraftet. Neben der Leistung konnte sie den Wanderpokal und Pokal für Sieg und neue Streckenbestleistung aus der Hand von Organisationschef Franz Werni in Empfang nehmen. Daneben wird sie ihr Trainingsvolumen von bis zu 80 Stunden im Monat nun für eine Weile reduzieren, ehe sie zu neuen Taten rüsten wird. Für das kommende Jahr rechnen die Mörlenbacher Organisatoren Franz Werni und Peter Lellbach wieder mit einem Start in Mörlenbach.

Eigentlich hatten die Teilnehmer des Laufes in einer Befragung vor dem Start eher mit einer neuen Bestleistung bei den Männern gerechnet. Denn mit Bernhard Schoeneck, Hans Reich und Wolfgang Schwerk waren drei der besten Ultraläufer am Start. Wie gewohnt lagen zunächst unbekannte Namen an der Spitze. Clemens Schewe und Klaus Schüssler bestimmten die Führung; Hans Reich, der Nürnberger, war in Warteposition und übernahm nach Schüsslers Ausfall die Spitze. Aber auch nur solange, bis er selbst nach 6 Stunden keine Lust mehr hatte. Nach viel Zureden ging er nach einer Pause von 30 Minuten noch einmal auf die Strecke. Nach einer Stunde war dann endgültig Schluss und wie zuletzt in Holland war ein vorzeitiges Ende das Ergebnis. Nach 8 Stunden, einem Drittel des Laufes, übernahm dann Wolfgang Schwerk die Führung, er hatte 96,8 km zurückgelegt.

Schoeneck (94,9 km), Springer (92,7 km) und Schewe (91,3 km) folgten. Bis morgens um 4 Uhr baute Wolfgang Schwerk seine Führung kontinuierlich aus. Doch der zwischenzeitlich heftige Regen und das Gewitter hatten ihn Mürbe gemacht. Er lag deutlich hinter seinem Zeitplan zurück, der auf 260 km gerechnet war. Für ihn war das der Zeitpunkt zum Aufgeben. „Wir möchten auch die anderen mal gewinnen lassen“, war die Meinung von Schwerk und Schoeneck am nächsten Morgen. Letzterer hatte nach 13 Stunden alle trockenen Kleider aufgebraucht und war dann schlafen gegangen.

Clemens Schewe, der Außenseiter, war bei seinem ersten 24-Stunden-Lauf nun in Führung gegangen. Eine Führung, die er eisern gegen Karl-Heinz Springer vom OSC Höchst verteidigte. Manchmal lagen beide in der gleichen Runde, der Vorsprung betrug bis 5 Stunden vor Schluss nie mehr als 3 Kilometer. Dann resignierte Springer und Schewe hatte freie Bahn. Er lief aber auch im Angesicht des sicheren Sieges nicht mit dem Tempo nach und konnte sich so auf unerwartete 236 km steigern. Karl Heinz Springer wurde zweiter mit 215 km, Jürgen Galster belegte Rang drei mit 208 km. Kontinuierlich hatte sich Dr. Winfried Gurres, ebenfalls ein Neuling auf dieser Distanz nach vorne gearbeitet und schließlich 206 km erreicht. Seine Frau, mit ihm gestartet, war jedoch nach 100 km ausgestiegen.

Insgesamt 7 Läufer haben die 200-km-Marke erreicht, 5 davon zum ersten Mal. Diese Grenze haben nun 23 bundesdeutsche Läufer und 2 Läuferinnen erreicht, 10 davon in diesem Jahr 1986. Ein sicheres Zeichen, wie sehr Ultralanglauf auch leistungsmäßig an Boden gewinnt. Dass drei Männer und zwei Frauen auch international unter den ersten 10 der Weltbestenliste vertreten sind, ist ebenso ein erfreulicher Aspekt.

Begonnen hat dieser Boom mit dem Mörlenbacher Lauf. Seit 1982 gehen Teilnehmerzahlen und Leistungsdichte in Mörlenbach kontinuierlich nach oben, und im kommenden Jahr dürfte auch die Monopolstellung der Mörlenbacher Vergangenheit sein. Doch hervorragende räumliche Bedingungen, die abwechslungsreiche Strecke und die gewohnt gute Organisation werden diesem Lauf in dem kleinen hessischen Ort auch weiterhin seine Stellung bei den Ultralangläufern sichern. Die Einladung nach Mörlenbach gilt auch für das kommende Jahr, und der Sprecher des Organisationsteams, Peter Stephan, versprach auch für 1987 wieder eine gute Vorbereitung und einen guten Lauf.

Wie immer, so war auch 1986 der Lauf der 27 Mannschaften ein Teil dieser Veranstaltung. Die Teams, je 10 Läufer oder Läuferinnen, hatten es sicher leichter als die Einzelläufer. Dennoch muss man auch Ihnen höchste Achtung zollen. Denn es wird auch hier sehr hart gekämpft. Große Namen bei den Mannschaften fehlten in diesem Jahr und so hatte schließlich die TG Rimbach, ein Nachbarort von Mörlenbach, am Ende die Nase vorn, vor den Läufern aus Delft/Niederlande.

Die Gruppe der Läufergemeinschaften, in der Lauftreffgruppen, Betriebssportgemeinschaften oder aus verschiedenen Vereinen zusammmengewürfelte Teams am Start sind, sah die LG Düsseldorf-Süd vorne (409,8 km). Bei den Damen gewann SFD Düsseldorf mit 333,3 km).

Ehrenpreise und Küsschen von Landrat und Bürgermeister gab es zur Siegerehrung und ein allgemeines „Auf Wiedersehen 1987 in Mörlenbach“.