In 6 Tagen um die (Stadion)Welt von Erkrath

von Martina Hausmann

  Prolog: Eines meiner großen läuferischen Vorbilder, Renate Nierkens, hat 15 Jahre lang mit fabelhaften 738,230km den Deutschen Bahnrekord im 6-Tagelauf gehalten. Fast genau so lang war dies sogar AK-Weltrekord. Interessant ist, dass Renate aus dem Geherlager kommt. Sie hatte das Gehen mit laufen gemischt und solcherart sich quasi ununterbrochen gleichmäßig fortbewegt, bis die 144 Stunden um waren. Dazu war sie brutto mit über 5km/h unterwegs!

Der perfekte 6-Tagelauf existierte in meinem Kopf als Wunschvorstellung, lange bevor irgend jemand im entferntesten irgendwo daran dachte, ihn zu realisieren. Dank seiner laufwütigen Frau Conny hat sich  Sigi Bullig im letzten Jahr breitschlagen lassen und hat in Erkrath auf Anhieb ein solches Rennen auf die Beine gestellt. Leider konnte ich verletzungsbedingt alles nur via Internet verfolgen. Ich habe tagtäglich mitgefiebert, mitgelitten und mitgefreut! Dieses Jahr hat leider Conny das Verletzungspech. Sie kümmert sich mit ihrem Sigi im Wechsel fortlaufend um das Wohl der Läufer und ist als Ansprechpartnerin für alle Beteiligten allzeit bereit. Der Lauf ist genehmigt und beaufsichtigt vom DLV Nordrhein. Presse und Fernsehen sind zahlreich vertreten und berichten durchweg positiv. Nach der hervorragenden diesjährigen und auch vom anwesenden obersten Kampfrichter in den höchsten Tönen gelobten Veranstaltung wird der Präsident der DUV versuchen, das ganze nachträglich als illegal ausweisen zu lassen(!). Der DLV soll die Genehmigung zurückziehen, weil - wie überall auf der Welt bei solch langen Bahnrennen - am Ende „nur“ volle Runden gezählt werden. Dann wären alle gelaufenen Leistungen vom Weltverband IAU anerkannt, nur in Deutschland für die DUV nicht(!). Auf Worte der Anerkennung unserer Bestleistungen durch das DUV Präsidium warten Noch-DUV-Mitglieder Wolfgang Schwerk und ich bis heute. Immerhin ist der Boykottversuch fehlgeschlagen! Da hat man beim DLV auf Granit gebissen. Es lebe der gesunde Menschenverstand!!

Das Rennen: Ich habe alles denkbar gut vorbereitet für die 2. Auflage des Rennens. Sicher bin ich seit Knieoperation und Schienbeinbruch von 2004 auf Strecken bis 24 Stunden (noch) langsamer als zuvor; auf 48- oder 72-Stundenrennen kann ich aber keinen Unterschied mehr verzeichnen. Das macht mir Mut für das langjährige Vorhaben, den Deutschen Rekord von Renate zu überschreiten. Schließlich habe ich noch im Kollegen und Freund meines Masseurs den wohl idealen Betreuer gefunden. Mathias und ich planen die Expedition generalstabsmäßig. Zum x-ten Mal besprechen wir das Inventar des Basislagers, Logistik und Renntaktik. Das Inventar hat zunächst auf mehreren Din A4 Seiten Platz und schließlich mit Ach und Krach in Mathias’ Auto. Die Logistik sieht vor, das Zelt nahe der Start-Zielline aufzustellen, da man sich dort für Pausen von mehr als einer halben Stunde an- und abmelden muß. Vor Ort stellen wir fest, dass es dort keine Zeltplätze gibt. Also werde ich Pausen von über einer halben Stunde sparsamst einsetzen; 100m x 2 x x-mal...da kommen ruckzuck eine Menge ungezählter Kilometer zusammen! Die Renntaktik sieht die bei mir sattsam bewährte Dauermethode vor; d.h. ich werde 144 Stunden nach dem Motto leben: „Die Bahn wird nur in Notfällen verlassen“. Leitsatz: „Jede Minute wird optimal genutzt.“

Ich stehe mit 36 weiteren Kandidaten im strömenden Regen am Start. Stürmischer Wind fegt von der Längsgeraden her quer über den Verpflegungsstand. Unter die wetterabgewandte Seite des Daches drängeln wir uns. Die wichtigen Regeln werden klar von Sigi erläutert: „Die Bahn wird nach innen nur verlassen, wenn sie an gleicher Stelle dort auch wieder betreten wird. Die Startnummer muß allzeit zu erkennen sein und darf nicht verändert werden. Keine Schrittmacherdienste auf der gegenüberliegenden Geraden.“ Die einzelnen Läufer werden den Zuschauern vorgestellt. Die Medien sind schon jetzt aufmerksam vertreten.  Oberhalb der Bahn aufgestaute Wassermassen haben igendwo ein Ventil gefunden. „Tsunami!“ meint der Japanische Läufer Seigi Arita mit gespieltem Entsetzen, als die zentimeterhohe Flutwelle unsere Füße umspült. Damit erübrigt sich auch die Benutzung von Kompaß und Höhenmesser, welche mein Witzbold Herbert mir zu Hause wohlmeinend unter die Ausrüstung schmuggelte: Wir stehen hier eindeutig an der tiefsten Stelle der Bahn und nahe der Ostkurve, da der Wind bei Säuwetter aus Westen kommt.

Mit dem Startschuß um 15 Uhr löst sich meine wochenlang aufgestaute Anspannung zögerlich. Ich kämpfe mit dem Regenschirm gegen Wind und Wetter von oben und mit Slalomkurs vergebens gegen nasse Füße von unten. Michael Peel, mein kampferprobter Genosse vieler Multidays, beschaut mich missbilligend von oben bis unten. „Du bist unvollständig!“ So kurz erst im Rennen und schon reaktionslahm? „Die Musik fehlt.“ – „Im Trockenen zwischengelagert.“ Das Unwetter ist kaum vorüber, da graben emsige Helfer schon tiefe Abflussrinnen quer zur Bahn nach außen unten. Bald komme ich trockenen Fußes auch durch die kritische Ostkurve. Die Bahn ist perfekt zu belaufen; staubfrei und fest.  Pause für die Nacht mit Kleider- und Schuhwechsel. Meine Füße gleichen Wasserleichen. 15 Minuten Rundumerneuerung. „Vollständig“ registriert Michael hernach treffend. Mathias hat sich schlafen gelegt. Wir haben von Anfang an klargestellt, dass der Betreuer keinesfalls so platt werden darf wie der Läufer. Einen Betreuer für den Betreuer habe ich nämlich nicht. Mathias ist der Herr des Basislagers; es sollte immer alles in Ordnung, sauber und an gewohnter Stelle zu finden sein. Meine Trinkflaschen stehen wohlgefüllt bereit. Der offizielle Verpflegungsstand lässt auch keine Wünsche offen. Ich kann unmöglich aufzählen, was es alles gibt. Mir fällt nicht ein, was ich vermissen könnte. Drei Sorten alkoholfreies Bier sprechen für sich. Tausend Dank, Familie „Steppenhahn“! Ich genieße die kühlen Nachtstunden. Nach den ersten vier hektischen Stunden mit 8 km/h habe ich das Tempo weiter reduziert. Laufwanderstil im Ultraschlappschritt.  Alle 6 Stunden zelebrieren wir regelrecht das Highlight Richtungswechsel. Nach 100km und 14 Stunden nach dem Start bin ich wirklich gut eingelaufen. Bereits dämmert der nächste Morgen. Mathias winkt schon mit dem Teebecher. Der Matcha – japanischer grüner Pulvertee -  ist fertig. Seigi wäre tödlich entsetzt, wüsste er, was ich da trinke. Matcha nimmt man bei feierlicher Teezeremonie zu sich. Man schlürft ihn jedenfalls nicht schlurfend aus der Schnabeltasse. „Dieses Modell könnte ich im Altersheim gut brauchen.“ meint Dagmar Großheim grinsend, Europameisterin im Doppel-Ironman. Sie bereitet sich auf den Zehnfach-Ironman vor, möchte und wird über zehn Marathons in 6 Tagen erreichen, und nimmt das Ganze eher locker. Aus dem Triathlonlager kommt auch Manuela Resnik aus Österreich. Sie hat den zehnfachen schon hinter sich, wandert ausschließlich und wird nach Abschluß des Rennens bestimmt den Weltrekord im Dauertelefonieren oder SMS schreiben halten. Den ersten Tag beende ich mit 155km. Das liegt durchaus in meinem Plan.

Ich müsste nun noch 5 Tage lang im Schnitt 117km schaffen. Dann hätte ich mein Traumziel erreicht. Mit dieser beunruhigenden Gewissheit lege ich mich zur ersten Ruhestunde hin. In aller Gemütlichkeit wasche ich mich vom Feldbett aus, beschaue meine Füße und schließlich dösend das Innenleben. Kaum bin ich um 16 Uhr zurück auf der Strecke, vermelden die Füße zum Hirn: „Wir sind auf der Bahn!“ Befehl geht zurück: „Schlappschritt marsch“. Multidayautomatismus. Es trudeln mehr und mehr Zuschauer ein. Die normal arbeitende Bevölkerung hat Feierabend. Um die einzelnen Läufer bilden sich Fangruppen. Sigi stellt die einzelnen Teilnehmer anschaulich vor: „...und hier kommt wieder Martina Hausmann vorbei, von der der Ehemann sagt, ‚laufen kann sie nicht, das aber kann sie tagelang’...“ Ich grinse mir eins. „Hauptsache, ich habe Erfolg mit dem Gewatschel.“ Gegen 19 Uhr gibt es wie üblich das warme Abendessen. Die meisten Läufer stehen am Suppenausschank oder sitzen bereits im Biergarten nebenan.  Die Bahn ist entsprechend verwaist, als mir Mathias das Essen auf die Strecke reicht. Mit dem Suppenteller auf Wanderschaft stoße ich auf Michael. Er ist der wahre Meister des Schlurfschritts und braucht seinen Rhythmus auch beim Essen nicht zu ändern. „Mensch, Michael, wie in der guten alten Zeit in New York beim 1300Meiler!“ Ruckzuck ist wieder eine Stunde vergangen. Die Band „Halve Han“ spielt auf in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich denke mit Entsetzen an Mathias im Schlafzelt. Irgendjemand prägt den klassischen Spruch: „Nicht auszudenken, wenn’s ein ganzer Hahn wäre.“ Unseren Fans indes gefällt es. Ihnen gönne ich gerne das Rahmenprogramm. Nach meiner Umziehpause um 21 Uhr kehrt Ruhe ein. Mathias kann ich nach perfekter Fußmassage wieder ins Bettchen entlassen. „Ich glaube,  ich komme bis vier Uhr gut durch die Nacht.“ Er stellt seinen Wecker. „Notfalls weckst Du mich im Gemeinschaftszelt!“ Nach Ausschank der traditionellen Mitternachtssuppe sind nur noch wenige Unerschrockene unterwegs. Wolfgang Schwerk und Claude Hardel ziehen immer noch im Volkslauftempo ihre Runden. Beide haben den Weltrekord von 1023km im Visier. Wolfgang meint satirisch in die nächtliche Einsamkeit hinein: „Hier ist richtig was los!“ - „Ja, genau, die Hölle in Dosen!“  Ich freue mich tierisch auf die einstündige Vier-Uhr-Pause. Es ist schon ein Genuß, nach getaner Arbeit das aufgeräumte Zelt zu betreten, sich ganz dem Ritual waschen-Fußpflege-umziehen und anschließender Innenweltschau mit Fußmassage hinzugeben.  Immer noch kein richtiger Schlaf! Jedenfalls habe ich mich wieder wunderbar entspannt. Mit Sonnenaufgang bevölkert sich die Piste zunehmend. Die meisten arbeiten nämlich nach der Intervallmethode: Arbeitsschicht kurz und herzhaft, Freizeit mit viel Schlaf ausführlich. Den wenigsten gelingt es aber, im Laufe des Laufes die Arbeitsschicht nicht verdümpeln zu lassen oder, bei den vielen Belastungsspitzen bei relativ hohem Tempo, unverletzt zu bleiben.  Meine  in der Momentansicht unspektakuläre Dauermethode ist zumindest risikoarm. Einzig Wolfgang Schwerk kombiniert die Dauermethode mit wirklich hohem Tempo. Eine fürwahr tödliche Mischung! Mit Ablauf dieses zweiten Tages hat er den neuen Deutschen Rekord über 48 Stunden inne. Verletzt scheidet er in Führung liegend aus. Auch Andreas Falk (Schweden) und Hans-Peter Burger (Österreich) können den geforderten täglichen Marathon nicht mehr schaffen und scheiden aus. Ich beende den Tag mit 125,3km. Mein tägliches Soll schrumpft damit für die nächsten vier Tage auf 114,7km. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen...

Nach der gewohnten einstündigen Rundumerneuerung bin ich auch nicht mehr taufrisch. Ich kontrolliere jede Rundenzeit. Vier Minuten pro Runde all inclusive für ein Tempo von 6km/h darf ich möglichst selten überschreiten. Mit diesem Tempo kann ich mir gerade mal ca. 4 Stunden Pause auf 24 Stunden erlauben, will ich meinen Traum verwirklichen. Das ist nicht einfach. Man will ja nichts verpassen. Das ohnehin leckere Verpflegungsangebot wechselt häufig, je nachdem, wer gerade den Stand beaufsichtigt oder welche Anregungen von Läuferseite eingegangen sind. Ich prüfe in einer Runde das Angebot. Während der nächsten Runde überlege ich, was ich eigentlich will. So schnappe ich mir die Rosinen vom Kuchen im Vorbeiflug. Kürzlich schwärmte allerdings jemand von frischen Johannisbeeren. Als ich ankam, waren sie schon alle! Stehen bleiben ist nicht drin. Jede Runde eine Minute an der Kneipe macht an die 300 Minuten täglich. Nicht auszudenken! Die Zeit läuft mir sprichwörtlich ständig davon. Was sind schon 144 Stunden, wenn ich darin sooo viele Kilometer unterbringen will!? Die schönste Tageszeit ist der Abend. Dann bevölkern richtig viele Läufer die Bahn, die Zuschauer werden bierselig, das Fernsehen hyperaktiv. Fragt mich doch glatt ein Reporter, wie ich mich fühle. „...mmmpfh...“ Was wirklich geistreiches fällt mir angesichts zunehmender Magenprobleme nicht ein. Ich bin froh, als sie sich auf Achim Heukemes  und seine Eva stürzen. Die zwei haben mehr Zeit dank seiner Intervallmethode. Solcherart wird er mit 781,083km auf den 3. Platz kommen. Der souverän kraftvoll laufende Hans-Jürgen Schlotter wird sich mit 802,301km auf Platz 2 durchsetzen. Auf der Bahn vereinen sich die unterschiedlichsten Typen, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da ist etwa das französische Lager in der Westtangente. Christian Mainix, Claude Hardel und Christine Bodet haben entschlossen vor, zumindest AK-Weltrekorde zu knacken. Das Outfit von Claude ist passend zur entschlossenen Haltung wahlweise teuflisch rot oder teuflisch schwarz. Zuletzt wird groß die 1 auf seinem Shirt prangen. Dieser Vorgabe wird er mit 923,207km gerecht werden! Seine Sportfreundin Christine wechselt fast stündlich ihre attraktiv knappen Bikiniteile. Francoise Pallaruelo macht eher Urlaub mit der Familie; sie hat immer Zeit für alles, ist frohgemut und hilfsbereit. Die dritte Nacht bricht an. Christian Chmel aus Österreich nimmt noch einen alkoholreichen Schlummertrunk aus seiner Privatkneipe im Auto. Alsdann klettert über die Böschung im Westen und strebt seinem Hotelbett im dritten Stock ohne Aufzug(!)gegenüberliegender Straßenseite zu. Nicht zu glauben, dass er am Ende mit 727,836km neuen Österreichischen Rekord laufen wird. Ich bin mit einer handvoll Läufer alleine unterwegs. „Bei weniger als drei Leuten werden die Scheinwerfer ausgeschaltet“ kommentiert der Rundenzähler. Die Zählung erfolgt zwar elektronisch, wird aber ständig überwacht. Die Nachtschichten fallen mir zunehmend schwer. Die Vierminutenrunden sind auch mit größter Anstrengung nicht mehr zu schaffen. Ich muß Mathias schon um ein Uhr früh wecken. Er muß es geahnt haben, als er sich gestern Abend im Freiluftbiwak direkt vor unser Zelt legte. Ich nehme allen Mut zusammen und belasse es bei der einstündigen Pause. Nachtschicht Teil 2 wird unsagbar hart. Der Magen sträubt sich zunehmend gegen die unmenschliche Behandlung. Irgendwie graut irgendwann der nächste Morgen, in der umgebenden Natur und schließlich auch in mir. Zudem entdecke ich Haferschleim brandneu im Verpflegungsangebot. Leider wird es schwülwarm. Sogar das Atmen fällt schwer. Ich konzentriere mich auf all das erwachende Leben rundherum, damit ich die Zeit von der kurzen Morgenpause bis zur Nachmittagspause gut überwinde. Die letzten Stunden kennen keine Gnade, doch ich bekomme mein Tagessoll zusammen. 117,3km werden es. Bergfest.

Diesmal steht mein Bett open air hinter Sigis Wohnmobil direkt in Start-Zielnähe. Im Zelt ist es zu heiß. Außerdem verplempere ich hier keine Minute zur Abmeldung beim Rundenzähler. Das Mittagessen hat Mathias für jetzt aufgehoben. Es heißt ja: „Nach dem Essen sollst du ruhen.“ Da für den Abend Regen gemeldet ist, gönne ich mir wieder nur eine Stunde. Wann ich wohl das erste mal richtig schlafe? Ich mühe mich mit den Socken ab. Alle Handgriffe dauern mir zu lange und ich verfluche die Müdigkeit. Plötzlich hält mir jemand von hinten die Augen zu....Nee, das gibt es nicht. Denkste! Gibt es!! Ein dicker Kuß und ich umarme Herbert. Ich möchte nun gerne richtig laufen oder mich schneller bewegen. Ich habe eher das Gefühl, festzukleben. Herbert erfindet alle möglichen Tricks zur Aufheiterung. Er lässt das Kängurumaskottchen vor mir herhoppeln und füttert mich mit leckerem Kuchen. Und hinter welcher Kurve wartet der nächste Kuß? Trotzdem kann ich zum Abend hin kaum mehr kriechen. Multidayendmüdigkeit lässt sich auch im Anfangsstadium schlecht verarschen. Die Luft erscheint geladen, heiß und feucht. Zum Abendessen entlädt sich der Wolkenbruch. Alles rennet rettet flüchtet zum überdachten Biergarten nebenan. „Wir müssen uns noch beim Rundenzähler abmelden,“ ruft ein Scherzkeks. Die Strecke vermeldet „Land unter“. Mein erstes Essen im Sitzen! Mit Herbert! Ich genieße es. Mathias kommt vom einkaufen zurück, und Herbert muß sich verabschieden. Ich wate durch die Wassermassen zum Zelt zur Pause, hoffend auf baldiges Wetterwunder. Die nötige Bettschwere  für den ersten Tiefschlaf hätte ich endlich. Mein Kopf berührt das Kissen...ich schrecke hoch: Der „Halve Han“! Volle Dröhnung! Das sind die wahren „Freuden“ des Multidayspezialisten.  Erholung kannste vergessen, Fortbewegung in DEM Zustand aber auch. Ich lasse Mathias ausführlich Beine und Füße massieren, betone das ausatmen und versuche so, wenigstens ein Minimum an körperlich-geistiger Entspannung zu erreichen. Nun sind schon mehr als zwei Stunden des neuen Tages mit Pausen vertan. Ich starte in die schwierigsten Nachtschichten des ganzen Rennens. Trotz erheblicher Konzentration auf das Ziel beginnen verschiedene Körperteile einzuschlafen. Ich muß eine halbe Stunde Pause haben. Das ist viel zu wenig. Mehr kann ich mir zeitlich aber nicht mehr leisten. Ich bin so vergesslich vor Müdigkeit und will schon in der Unterhose hinaus. „Das fällt hier gar nicht auf!“ meint Mathias grinsend. „Na, ich weiß nicht. Ich habe kein so attraktives französisches Modell!“ Draußen stoße ich mit Wolfgang zusammen, der uns noch mal besuchen kam. Er schaut mich ehrlich entsetzt an und reißt schlechte Witze. Ich muß ja furchtbar aussehen! Die Multidayendmüdigkeit hat mich fest im Griff. Die Reise geht jetzt tief nach innen. Mein Lauf gleicht einem Gebet. Dazu braucht es keine Religion. Göttliche Energie findet sich in allen Dingen und Lebewesen. Letztendlich ist es EINE Energie, die alles trägt. Ich versuche, mich als ein Teil davon fühlen zu können. Dann kann ich nicht kraftlos sein und finde einen Rhythmus, der mich führt und trägt. Alle Kraft will ich einzig in die Bewegung nach vorne umsetzen. Hoffentlich kann ich es durch diesen Tunnel schaffen. Während der Morgenmassage meine ich: „Dies ist eine so tolle Veranstaltung. Ich laufe den Rekord hier, jetzt, oder nie“! Mit Hilfe von Durchfalltabletten (Immodium) und Blasenmittel (homöopathisch) bekomme ich immerhin das Magen- und Verdauungsproblem unter Kontrolle. Irgendwie mache ich bis zur Nachmittagspause noch einige Kilometer platt und erreiche fast mein Tagessoll mit 112,9km.

Nach der gestrigen Sintflut hat das Wetter schön abgekühlt. Mathias winkt mich einladend ins Zelt. „Ich brauche jetzt zwei Stunden! Nichts geht mehr.“ Schon beschäftige ich mich liegend mit meinem Rundumerneuerungsritual. Mathias ist bereits mit den Füßen beschäftigt; das Fußgewölbe hat sich durchgetreten. Filmriß. Ich bin allein und schwitze furchtbar. Alles ist naß. Endlich kommt Mathias und ich rufe: „Ich werde noch wahnsinnig! Ich habe wieder nur wachgelegen!“ – „Ach was! Du hast prima geschnarcht.“ Als ich wieder auf der Bahn bin, fühle ich mich jedenfalls wirklich erfrischt. Sogar meinen Fans an der Strecke fällt es auf. „Die sieht jetzt viel besser aus.“ – „Ja. Die hat sicher geschlafen.“ Erstaunlich, was die ersten 1½ Stunden Tiefschlaf nach vier Tagen Dauerlauf bewirken können! Späße meiner Mitläufer nehme ich auf wie ein trockener Schwamm. Michael kommt gerade recht. „Die Zuschauer denken wohl, wir haben keine Ohren! Über mich sagten sie: ‚Horch nur, der Schleicher kommt wieder’“. Nun, ich möchte nicht wissen... Am Verpflegungsstand überholen wir Christian. Eine halbe Runde später überholt er auf der Außenbahn. Dort läuft er immer, mir vollkommen unbegreiflich. „Mist, ich war schon wieder zu lange an der Kneipe!“ Dagmar taucht auf. „Du wirst morgen neuen Deutschen Rekord laufen.“ ??? „Es steht im Wahrsagermagazin.“ Ein Zuschauer gibt mir den Zeitungsausschnitt. „Ja, wenn die das so sehen, muß ich dafür sorgen, dass es auch stimmt!“  Hochmotiviert laufe ich in die Nacht hinein. Eine Stunde Pause zur Geisterstunde. Für die zweite Nachtschicht in den Morgen hinein muß ich noch mal alle mentale Energie zusammenklauben. Wie üblich hinke ich mittags noch meinem Plan hinterher, und die letzten Stunden des Tages werden furchtbar hektisch. Ich gewinne den Eindruck, die gefressenen Kilometer kommen mir zu allen Löchern wieder heraus. Zuletzt meldet auch noch die Blase unterm Zehennagel Katastrophenalarm. Mit letzter Kraft komme ich an diesem fünften Tag auf 112,1 Kilometerchen.

Mit einsetzendem starkem Dauerregen verschwinde ich sofort im Zelt. Ich muß am letzten Tag mindestens 117km schaffen, will ich mein Ziel erreichen. Ich weiß, dass ich es notfalls auf 120 Kilometer bringen kann , und zwar am 19. und letzten Tag innerhalb eines 1300Meilenrennens! Damals hatte ich den letzten Tag mit einer Stunde Pause begonnen und bin dann praktisch durchgelaufen. Ich nehme allen Mut zusammen. „Mathias, ich mache 1 ½ Stunden Pause!“ Auf diese Art komme ich zu einer weiteren Stunde Tiefstschlaf. Es hat sich zwischenzeitlich kein Wetterwunder ereignet. Land unter. Bindfadenregen. Keine Aussicht auf Besserung. Mechanisch laufe ich weiter. Hoffnung verlässt mich. Damals, in New York, war wenigstens das Wetter zum Ende gut. Ich fühle mit jeder Runde, wie mir die Felle weiter davonschwimmen. Durch die Aufregung verspannt sich der Rücken komplett. Ich versuche, den frisch „operierten“ Zeh halbwegs trocken zu halten. Riesenumweg in der Längsgeraden im Gras nach innen. Das darf man nicht, und ich kassiere einen Verweis. Also Umweg nach außen, durch die Zuschauer am Sportheim. Es ist tröstlich, dass sie sogar in dieser Sintflut ausharren. Die Leute schreien mich regelrecht vorwärts. Mathias winkt mit einem Zettel. „Die Abendpost! Die Abendpost ist da!“ Wie soll ich in dem Zustand, pudelnaß trotz Schirm, Herberts Email lesen? Mathias läuft aufgeregt nebenher und buchstabiert Fränkischen Dialekt. Die positive Stimmung überträgt sich. „Ich tue, was ich kann und noch viel mehr. Ich werde die Füße da durchführen, so lange es möglich ist und noch weiter.“ Das wird mein Mantra. Ich will niemanden enttäuschen und am wenigsten mich selbst. Es ist kaum zu glauben. Der Regen lässt nach. Noch bevor es richtig Nacht wird, ist das Wasser durch die frisch gegrabenen Rinnen wieder abgeflossen. Wir sitzen alle in einem Boot. Alle helfen mit, damit es uns gut geht. Ich verschwinde nur kurz im Zelt zum Schuhwechsel und um trockene, warme Sachen anzuziehen. Die Wetterprognosen werden auch stündlich besser. Prompt verschwinden die Rückenschmerzen. Eine ganze Reihe Nachtschwärmer setzt zum Finale an. Nicht mal in den frühen Morgenstunden vereinsame ich. Christian Mainix feiert schon Weltrekord M65. Er wird noch 701,013km erreichen! Mein Vereinskollege Walter Zimmermann hat in den ersten Tagen viel geschlafen. Die letzten Tage hat  er putzmunter mächtig zugelegt. Er wird noch auf  530,063km kommen. Viele Runden marschieren wir jetzt gemeinsam. Schließlich berechnet man schon den Zeitpunkt meiner Rekordrunde. Punktgenau erhalte ich gegen 14 Uhr Blumenstrauß, Deutschlandfahne und mein Maskottchen, das Stoffkänguru. Ein Traum erfüllt sich! Christine Bodet erreicht kurz vor Schluß noch AK45 Weltrekord und wird das Rennen mit fantastischen 773,476km beenden. Zum Abschluß der letzten Stunde bilden wir mit den verschiedenen überdimensionalen Landesfahnen einen Riesenfahnenteppich. Wir versammeln uns alle kurz hinter der Start-Ziel-Linie. Schon entweicht mit dem Schlußschuß die allerletzte Anspannung. Für mich sind es auf dem 5. Gesamtplatz 743,850km geworden.

Ich kann mich nur noch freuen, freuen, freuen! Der ganze Mikrokosmos freut sich, jeder für sich und alle für alle! Derweil bin ich wirklich stehend k.o. Mathias erlaubt mir jedenfalls nicht, mich vor der Siegerehrung hinzulegen. Er hat Angst, er bekäme mich nie wieder wach!  Frisch geduscht, und schon öffnet der Himmel alle Schleusen. Ich finde Unterschlupf beim Koch und werde gut versorgt. Die Siegerehrung ist verschoben. Man denkt, der Regen lasse bald nach. Ach was. Zur Siegerehrung geht es erst richtig los. Zum Siegertreppchen auf der Bahn könnte ich schwimmen. All unsere Fans haben ausgeharrt und jubeln. Renate Nierkens gratuliert mir mit wunderschönen Blumen. Während ich noch überlege, wie ich durch die Wassermassen zum Zelt finde, steht schon Jürgen Spitzers Wassertaxi bereit.

Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerzen weichen schon wenige Tage danach. Glück und tiefe innere Zu-Friedenheit wachsen noch jetzt, Wochen danach. Das ganze Erlebnis reift im Bewusstsein. Auch und vor allem das Miteinander mit allen Beteiligten bleibt unbedingt unvergesslich.